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Samstag 04 Feb 2012
Die Seele des Yiquan: Shen und Yi 1 PDF Drucken E-Mail
Freitag, 25. September 2009 um 14:16 Uhr

Die Seele des Yiquan: Shen und Yi

In sportwissenschaftlicher Fachliteratur steht zu lesen, dass Erfolge im Sport zu 2 Prozent auf die Technik und zu 28 Prozent auf die körperliche Verfassung zurückzuführen sind. Daher machen 70 Prozent des Unterschieds zwischen Sieg und Niederlage das aus, was sich sozusagen beim jeweilige Sportler im Kopf abspielt. Der Grazer Sportpsychologe Dr. Alois Kogler bestätigt diese These: „Je größer die mentale Stärke eines Sportlers ist, desto erfolgreicher tritt er auf. Das heißt, ein Sportler ist umso siegreicher, je besser er, neben der technischen Ausrüstung und seinem Körper, auch die Fähigkeiten seines Gehirns nutzen kann, also seine Gedanken und Gefühle bestmöglich einsetzt, um das Ziel zu erreichen“ (Medizin Populär, 11/2008)

Das Training des Gehirns ist die bedeutendste Methode des Yiquan, denn es ist nicht, wie das Potenzial unseres Körpers, begrenzt. Innerhalb moderner Übungen wurden hauptsächlich die bestmöglichen Methoden zum Körpertraining entwickelt, doch das Gehirn wird laut wissenschaftlicher Untersuchungen meist nur zu 4 bis 5 Prozent genutzt. Der Rest befindet sich im Schlafzustand. Innerhalb des Leistungssports bauen viele ein mentales Training in das Programm mit ein, jedoch ohne jegliches System. Ich habe die Überzeugung, dass die Sportleistung durch ein systematisches, mentales Training wesentlich verbessert werden und man dadurch auf Hilfsmittel wie Doping verzichten kann.

Schon seit Tausenden von Jahren konnten die chinesischen Meister bemerken, dass verschiedene psychische Faktoren bei Kämpfen eine Hauptrolle spielen und über Sieg oder Niederlage entscheiden. Über diese bestimmenden Aspekte heißt es: „Der erste ist Mut, der zweite Kraft und der dritte Technik“. Shen wurde in dieser Redeweise mit ‚Mut’ übersetzt, und zeigt deutlich die Bedeutung von Shen gegenüber allem äußeren Wirken, also Kraft und Technik. Aus diesem Grund sammelten Kampfkünstler viel Erfahrung mit „Mut“ um dadurch ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Shen

Was man unter Shen versteht, lässt sich am besten anhand zweier Geschichten illustrieren.

Eine rund zweitausend Jahre alte Geschichte über einen General namens Li Guang erzählt man sich noch heute: Mitten in der Nacht machte Li Guang einen Tiger aus, er hob seinen Bogen und schoss auf das Tier. Als er zu seiner Beute ging und sie anschaute musste er feststellen, dass der Tiger ein Stein war. Der abgeschossene Pfeil jedoch drang tief in den Stein ein. Am darauf folgenden Tag versuchte der General erneut in den Stein zu schießen, doch es gelang ihm nicht.

Die zweite Geschichte erzählt von einem jungen Mann, welcher zehn Jahre lang bei einem der besten Schwertkämpfer weit und breit trainierte. Nach einiger Zeit trug der Meister seinem Schüler auf sich auf eine Reise zu begeben um sein Können im Schwertkampf zu erproben. Seine Technik war ausgefeilt und es gab daher an ihr nichts mehr zu verbessern, dennoch verlor der junge Mann ein jedes Mal. Deprimiert und ohne einen anderen Ausweg zu sehen, wollte er sich selbst töten. Da jedoch kam ihm ein Gedanke: Wenn er schon sterben sollte, dann lieber durch die Hand des berühmtesten Schwertkämpfers, als durch Selbstmord. Daraufhin führte es den jungen Mann zurück und er forderte den Meister heraus. Lange standen sich beide Kontrahenten regungslos gegenüber, ohne dass der Kampf begann. Schließlich gab der berühmteste Schwertkämpfer auf. Der junge Mann war überrascht und fragte nach dem Grund. „Du hast keine Angst, nicht einmal vor dem Tod. Wer solch großen Mut beweist, der ist unbesiegbar“ antwortete der Meister.

Ob sich tatsächlich alles so zugetragen hat, wie es diese beiden Geschichten erzählen, ist im Grunde gar nicht von Bedeutung. Entscheidend für uns ist das Phänomen, das sie beschreiben. Dabei geht es um die Qualität einer Handlung in einer Extremsituation, welche den Überlebenswillen fördert und die eigenen, verborgendsten unserer Kräfte hervorbringt. In anderen Zusammenhängen hört man auch heutzutage immer wieder von solchen Phänomenen, die ungeahnte Kräfte freisetzen. Eine Mutter beispielsweise, welche ihr Kind unter einem schweren Wagen, in einer lebensbedrohlichen Lage, eingeklemmt findet, entwickelt in dieser Ausnahmesituation eine unglaubliche Kraft um es zu befreien. Unter gewöhnlichen Umständen könnte sie diese Stärke mit Sicherheit nicht aufbringen. Das, was sich in solchen Situationen manifestiert, ist Shen. Es wird oft mit dem nicht ausreichenden Begriff „Geist“ übersetzt, denn Shen steht vielmehr für ein begrifflich schwer zu erfassendes Konzept.

Man erkannte, dass sich Shen über ein psychisches Training, in China auch Shen- Training genannt, weiter entwickeln kann. Auf der Suche nach einer effizienten Methode zur Stärkung des Shen, stießen viele Kampfkünstler auf die Praktiken des Chan-Buddhismus. Die Hochzeit dieser Entwicklung findet sich in der Tang Dynastie (618-907), in der die beiden Elemente Kampfkunst und Chan-Buddhismus zusammengeführt wurden. Man trainierte dabei hauptsächlich im Stehen, mit der Bezeichnung stehendes Chan (Li Chan). Hierbei lassen sich die Wurzeln der Stehübungen des Zhanzhuang finden.

Für den Einsatz von Shen, braucht es einen starken äußeren oder inneren Reiz. Genau deshalb setzt man zu Übungszwecken die notwendigen Anstöße durch die Yi-Aktivität (s. nächsten Abschnitt). Entsprechende mentale Vorstellungsbilder und die Kraft der Gedanken finden hier ihre Anwendung. Indem wir uns vorstellen, wie ein Gigant auf der Erde zu stehen, schalten wir die gewöhnliche Bezogenheit auf unser kleines Ego aus. Körper und Geist werden vergrößert und entfalten sich in unserer Vorstellung bis ins Grenzenlose. Wir sind erfüllt von Kraft und Energie, von einem Willen beseelt, der Berge und Flüsse überwinden kann. Wir sind wie das Meer das alles aufnimmt, was zu ihm kommt und wie der Himmel, welcher alles in sich vereinigt, worüber er sich erstreckt. Durch regelmäßiges Training mit solchen und ähnlichen Vorstellungen wird Shen abrufbar, es verbessert unseren psychischen Zustand, stärkt die Willenskraft, den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen.

Es ist äußerst sinnvoll den eigenen Geist für das Alltagsleben zu festigen. Häufig sind Yiquan- Übende mental wesentlich stärker und bekanntlich spielt sich ja alles „da Oben“ ab. Wir sind ständig mit bestimmten Schwierigkeiten konfrontiert, welche uns ohne eine gefestigte Willenskraft oftmals zum Aufgeben zwingen. Dies gilt auch für den Kampf gegen Krankheiten. Ein Schüler von mir als Beispiel hatte einen Gehirntumor mit 2%iger Überlebenschance. Er wollte noch nicht aufgeben und konnte diese 2% unter anderem durch ein regelmäßiges Yiquan- Training nutzten. Er stärkte seinen Körper, überwand die Müdigkeit und sein Leben ging weiter. Nach drei Monaten verschwanden die Tumore durch regelmäßige Übungen und einen starken Willen. Dies ist mittlerweile über 3 Jahre her und die Verbesserungen halten stetig an. Durch das Training bekommt er glänzend, rote Backen und die Ärzte im Landeskrankenhaus konnten ihn bei der Kontrolle kaum wiedererkennen. Eines der wichtigsten Elemente beim Yiquan ist das Stärken des „Obens“, des Geistes. Zu Beginn muss daher der mentale Bereich aufgebaut und trainiert werden, was im Nächsten Kapitel näher erläutert wird.

Obwohl Shen unwillkürlich und nicht direkt abrufbar ist, kann man es doch durch Yi trainieren.

Yi

Wir haben uns bereits darauf geeinigt, Yi () mit dem Begriff „Vorstellung“ zu übersetzen, aber auch darauf hingewiesen, dass dies eine notwendige Vereinfachung ist, weil die Komplexität des Begriffs „Yi“ keine unmittelbare Übertragung zulässt. Es sei daher noch einmal hervorgehoben, dass wir mit dem Begriff „Yi“ auf alle bewussten Aktivitäten des Gehirns Bezug nehmen, auf Gedankenkraft, Vorstellung und Absicht, auf Wille, Konzentration, bewusste Sammlung, sinnliche Wahrnehmung, etc. Stellt man sich die Frage, wie Yi und Kampfkunst ursprünglich zusammenkamen, so trifft man wiederum auf den Buddhismus. In einem Volksgedicht von Boddhidharma heißt es, er kam „von Westen ohne Schrift und Bücher, und man musste ihn mit Xin (Herz ) und Yi begreifen“. Deswegen heißt diese Methode Xinfa (心法). Seit Jahrhunderten ist jener Satz in China in verschiedenen Bereichen wie Qigong, Malerei, Kalligraphie, Kampfkunst etc. sehr populär. Er trifft einen wichtigen Punkt, das mentale Training, d.h. das Training von Yi, eine Methode, die dank innerer, also geistiger Arbeit positiv auf den Körper wirkt. Dieses Wissen ist sehr alt und es wurde bereits früh in China festgestellt, dass psychische Faktoren Auswirkung auf die Gesundheit haben. Aus diesem Grund hat die Traditionelle Chinesische Medizin eine differenzierte Psychosomatik entwickelt, welche die Wirkung von Emotionen auf die körperliche Befindlichkeit äußerst umfassend beschreibt.


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